Sonntag, 6. September 2015

Das ist erst der Anfang!

„Mais Zsuzsi, this is not the end, c’est le début!” Die Worte unseres Betreuers Claude klingen wie Musik in meinen Ohren. Doch Zsuzsi scheint das nicht wirklich zu trösten. Traurig schaut sie aus dem Autofester. Wahrscheinlich denkt sie gerade an die anderen Freiwilligen, von denen wir uns nach zwei Wochen Vorbereitungsseminar in Niederbronn verabschieden mussten.
Mein Blick wandert auch aus dem Fenster, aber ich bin nicht traurig. Wir fahren nach Wissembourg, wir fahren zu unserem neuen Zuhause. Mit Aufregung erwarte ich das, was sich hinter jeder neuen Kurve verbirgt. Hin und wieder versuche ich mich ganz groß zu machen, um über das Armaturenbrett hinaus zu gucken. Ich kenne den Weg, denn ich habe bereits einen Tag im Mont des Oiseaux, einen Wohnheim für Menschen mit Behinderung in Wissembourg, hospitiert. Hier werde ich bald arbeiten, wohnen und leben. Neugierde gemischt mit Ungeduld macht sich in mir breit. Ich will endlich ankommen!

Als wir dann die Auffahrt zu unserem neuen Zuhause hinauf fahren, macht sich auch auf Zsuzsis Gesicht ein Lächeln bemerkbar. Wir schauen einander an und müssen vor Aufregung lachen. Zsuzsi ist mir sympathisch. Genau wie ich wird sie zehn Monate einen Service Civique im Mont des Oiseaux machen.  Im Moment spricht sie noch gar kein Französisch und nur ein paar Sätze Englisch, weshalb unsere Unterhaltung teilweise sehr lustig verlaufen und wir manchmal völlig aneinander vorbei reden. Sie selbst kommt aus Ungarn. Später werden dann noch zwei Deutsche und eine Französin zu unserer WG dazu stoßen. Die Französin, Alicia, kenne ich auch schon vom Vorbereitungsseminar in Niederbronn. Sie ist eine aufgeweckte Person — sehr offen und immer fröhlich.  Auf die anderen zwei bin ich schon sehr gespannt!
Wir kommen an einem Samstagnachmittag an und fangen erst Montag mit dem Arbeiten an und ich muss sagen, ich brauche das Wochenende auch echt, um mich einzurichten. Am Samstag fehlt mir dazu aber die nötige Energie. Ein paar Sachen werden ausgepackt, ein paar Emails gelesen, aber das ist es dann schon. Wie ein nasser Sack falle ich in mein Bett und um 10 Uhr bin ich dann schon in der Tiefschlafphase versunken.

Am nächsten Tag warten ein halbausgepackter Koffer, zig unbeantwortete Emails und ein bisschen Orga-Kram  auf mich. Ich kann mich aber nicht wirklich aufraffen und beginne den Tag erstmal mit einem ausgiebigen Frühstück mit Zsuzsi — ganz unfranzösisch. Danach schnappe ich mir meine Kamera und erkunde Wissembourg ein bisschen. Leider wohnen wir nicht wirklich zentral, weshalb es seine Zeit braucht, um ins „Centre Ville“ zu gelangen, aber der Weg lohnt sich!

 Wissembourg ist wirklich schön und ganz anders als Wuppertal. Bisher habe ich kein einziges Hochhaus entdeckt, alles ist hier charmant klein: die Häuser, die Straßen, die Cafés. Zugegeben groß einkaufen kann man hier nicht und das Nachtleben ist hier quasi nicht vorhanden, aber für einen Sonntagsspaziergang ist Wissembourg genau richtig. Vor allem an diesem Sonntag scheint es die Welt besonders gut mit mir zu meinen, denn die Sonne rückt das Städtchen ins schönste Licht.

Ich mag die Atmosphäre hier. Jeder, der mir entgegen kommt, nickt oder lächelt mir zu und meist folgt darauf ein höfliches „Bonjour“. Irgendwie fühle ich mich aufgenommen.



























Nach meinem Spaziergang widme ich mich dann den weniger interessanten Dingen. Doch beim Koffer auspacken, bekomme ich richtig Lust, mein Zimmer umzugestalten. Mir gefällt der Zuschnitt meines Zimmers sehr. Ich habe eine kleine Nische, in der mein Bett und ein Nachttisch stehen, sodass der Schlafbereich vom Wohnbereich abgegrenzt ist. Leider passen die Möbel gar nicht zusammen, weshalb ein Besuch beim Baumarkt fest eingeplant ist. Dann kommt auf jeden Fall Holzlack in den Einkaufswagen, mit ein bisschen Farbe sieht die Welt schon ganz anders aus.

Montag ist es dann soweit: mein erster Arbeitstag! Das Mont des Oiseaux besteht aus zwei Gebäuden. Da gibt es zum einen eine Einrichtung für Kinder bis 20 Jahren und eine Einrichtung für Erwachsene. Ich arbeite im MAS („Maison d’Accueil Specialisée“), das ist die Einrichtung für Erwachsene.

Mein Dienst beginnt heute um 13:45 Uhr mit der Transmission. Die Transmission ist eine Besprechung beim Schichtwechsel, in der man der neue Schicht erzählt, was Besonderes vorgefallen ist, ob es einem der Bewohner schlecht geht und ob auf etwas Außergewöhnliches ansteht. Für mich ist die Transmission bisher ziemlich langweilig. Meine Französisch-Kenntnisse reichen noch nicht aus, um dem Gespräch folgen zu können und deshalb sitze oder stehe ich dann meist fünfzehn Minuten blöd in der Gegend rum.

Nach der Transmission geht man in seine Gruppe. Es gibt fünf Gruppen mit jeweils acht Bewohnern (ich hoffe, ich bin richtig informiert). Um eine Gruppe kümmern sich normalerweise zwei Betreuer. Bei den Volontären in der Gruppe sind es für den ersten Monat drei Betreuer (mit Volontär), da wir ja noch eingearbeitet werden müssen. Im Moment sind wir auch noch keine große Hilfe. Unsere Aufgabe sind größtenteils Pflegeaufgaben und ich muss zugeben, dass ich die Vorstellung erwachsenen Menschen, den Hintern abzuwischen oder die Windeln zu wechseln, noch sehr befremdlich finde. Tania, mit der ich heute zusammen arbeite, ist aber sehr verständnisvoll. Sie sagt, dass ich mir Zeit nehmen kann und immer sagen soll, wenn ich etwas nicht machen will. Ich persönlich hoffe, dass ich den letzten Teil nicht Anspruch nehmen muss, aber heute steht eh erstmal zu gucken auf dem Plan. Mir wird viel erklärt, teils auf Französisch, teils auf Deutsch. Ich soll beobachten, Fragen stellen und mich langsam einleben.


Nach der abendlichen Transmission gehen Zsuzsi und ich zusammen zu unserer Wohnung (wir wohnen in einer Dachgeschosswohnung über der Einrichtung für Kinder). Beide sind wir geschafft von den vielen neuen Eindrücken, doch in unserer WG erwartet uns eine kleine Überraschung: die zwei anderen deutschen Freiwillige sind angekommen. Zsuzsi ist zu müde für ein Gespräch, sie sagt kurz Hallo und geht dann schlafen. Eigentlich würde ich auch gerne schlafen, aber meine Neugierde auf die neuen Mitbewohner ist dann doch größer. Ich setze mich zusammen mit Alena und Hanna (so heißen die beiden) ins Wohnzimmer. Sie wirken ernüchtert. Die Wohnsituation haben sie sich anders vorgestellt. Vor uns haben schon einige Freiwillige mit sehr unterschiedlichen Geschmäckern in der Wohnung gelebt und das sieht man der Wohnung auch an… Als wir dann aber einen Tagesausflug zum IKEA Strasbourg planen, kommt Stimmung auf. Wir überlegen, was man alles machen könnte, um die Wohnung aufzubessern, dabei greifen wir ab und an nach den Sternen. Mal gucken, wie viel wir von unseren Plänen tatsächlich umsetzen. Es bleibt also spannend, denn this is not the end, c’est le début!


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