Sonntag, 5. Juli 2015

101 Tage

Die Scheibe beschlägt, meine Nase ist ganz platt gedrückt und ich könnte schwören, dass sich meine Pupillen gerade weiten. Auf einem blauen Autobahnschild steht es: Wissembourg.

In genau 101 Tagen werde ich hier leben. Ich bekomme ein flaues Gefühl im Magen. Zum ersten Mal wird mir bewusst, für was ich mich entschieden habe. 10 Monate sind eine ganz schön lange Zeit, denke ich als meine Mama die nächste Autobahnausfahrt nimmt. Wir halten auf dem Parkplatz des Hotels „Alsace“ in Wissembourg und ich mache meine ersten Schritte in der neuen Heimat.
Es ist komisch. Irgendwie hatte ich auf eine Art Zeichen gewartet, auf etwas, dass mir zeigt, dass ich genau hier hingehöre, vielleicht so ein „Liebe-auf-den-ersten-Blick-Moment“ oder ein „Booom, du bist hier richtig“, doch nichts dergleichen passiert.

Ich komme mir unglaublich touristisch vor, während ich mit der Kamera in den Händen durch die Straßen schlendere. Es ist schön hier, irgendwie belebt. Kinder fahren mit Cityrollern zur Schule, die Lauter plätschert fröhlich vor sich hin und Franzosen sitzen in den Cafés vor großen Tassen und unterhalten sich. Ich genieße den Moment.

Lachen und Gesprächsfetzen dringen an mein Ohr, doch ich verstehe nur wenig. In einem Laden frage ich auf Französisch nach einem Buch, man antwortet mir auf Deutsch. Eine nette Geste, aber ich bin enttäuscht. Ich möchte dem Ladenbesitzer am liebsten erzählen, dass ich bald hier leben werde, in genau 101 Tagen, aber ich bleibe still.

Ich bin hier fremd, man erkennt in mir sofort die Touristin. Verständlich, denn die Kamera hängt mir vor der Brust und mein Französisch ist weder besonders gut noch akzentfrei. Doch je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass ich tatsächlich als Touristin gekommen bin. Wir haben in ein Hotel eingecheckt, wir sind zu allererst zur Touri-Info gegangen und haben dann den Rundgang durch die Stadt genommen. Genauso gut hätte ich mir „Tourist“ auf die Stirn tätowieren können oder mit einem Selfie Stab Fotos vor jedem Gebäude machen können.

Erst bin ich ernüchtert, denn es wäre doch viel einfacher, wenn ich direkt ins Bild rein passen würde. Doch ich muss mir eingestehen, dass ich selbst noch gar nicht in der Lage bin, mir das vorzustellen. Ich denke, dass wird erst kommen, wenn ich mein Leben in ein paar Koffer gepackt habe und umgezogen bin.



Nach dem Abendessen falle ich wie ein Stein in mein Bett. Ich habe Kopfschmerzen und bin müde. So viele Eindrücke schwirren durch meinen Kopf und mein Gehirn braucht dringend eine Pause, um sie zu verarbeiten. Glücklich schlafe ich ein.

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